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Lange Nacht egal wo

Eigentlich hätte am vergangenen Freitag die Grüne Hölle Freisen zur Langen Nacht am See geladen. Da Corona dem aber einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, wurde umgeplant zur Langen Nacht egal wo.

Lange Nacht was!? Die Lange Nacht am See wird seit drei Jahren als Spendenradfahrt vom Verein Grüne Hölle Freisen organisiert. Im ursprünglichen Format fährt man mit dem Fahrrad seiner Wahl von 8 Uhr abends bis 8 Uhr am nächsten morgen Rund um den Bostalsee im Saarland. Dabei wird von einem Sponsor pro gefahrener Runde aller Teilnehmer ein kleiner Betrag fällig. Letztes Jahr kamen so – zusammen mit dem Startgeld der etwas über 400 Teilnehmer eine schöne Summe von 10118 € ein.

Prowin – als Hauptsponsor der Veranstaltung in diesem Jahr – verpflichtete sich im Anschluss 1 € pro absolvierter Runde um den See zu spenden. Da aufgrund der aktuellen Situation aber die Veranstaltung nicht wie üblich am See stattfinden konnte, planten die "Höllenhunde" kurzerhand zur Langen Nacht egal wo um. Prowin sicherte zu auch in dem Fall pro "virtueller Runde" um den See 1 € zu spenden.

Dieses Jahr war also neben guten Beinen auch ein bisschen Köpfchen gefragt wo man seine Kilometer abspult. Ich hatte mich mit Matthias und Markus zusammengetan und verschiedene Streckenoptionen durchgespielt.

Streckenplanung

Zu Beginn war die Überlegung 12 Stunden auf der "Panzerstraße" am Kölner Flughafen zu pendeln. 8 km pro Richtung, 16 km pro Runde. Mit 300 – 350 km als angepeiltem Ziel wären das etwa 20 "Runden" geworden.

Eine weitere Idee war möglichst nahe an unserer Wohnung vorbei zu fahren damit wir uns einfach verpflegen können. Das wäre aber auf eine etwa 3 – 5 km lange Runde herausgelaufen und zudem nicht ideal gewesen, da der Radweg vor unserem Haus etwas verbesserungswürdig ist und wir zudem in jeder Runde durch den Ortskern hätten fahren müssen.

Also mal in eine ganz andere Richtung gedacht… wie wäre es eine große Runde zu fahren? Sollte natürlich möglichst flach sein, damit das selbstgesteckte Ziel von > 300 km "einfach" machbar ist und entsprechend mehr virtuelle Runden zusammenkommen. Damit schied schonmal aus ins Bergische zu fahren. Rhein hoch-runter wär eine Option gewesen, aber leider ist der Leinpfad am Rhein nicht so gut ausgebaut wie an der Saar. Flach ist es im Kölner Westen. Noch flacher in den Niederlanden (vermeintlich). Also hab ich mal <komoot.de> angeworfen und ganz grob in die Richtung geplant. Dank der guten Routenvorschläge aus der Community und Tipps zu Streckenabschnitten/Highlights war relativ schnell der berühmte Cauberg (Amstel Gold Race) als Ziel ausgemacht. Weitere Highlights die "auf dem (Rück-)Weg" lagen waren schnell ausgemacht: wenn wir schon in der Nähe sind, könnten wir auch noch am westlichsten Punkt Deutschlands und am Tagebau Hambacher Forst vorbei.

Die Strecke nahm schnell immer mehr Form an. Damit wir uns gut verpflegen konnten plante ich ein, dass meine Frau uns nach etwa zwei Stunden Fahrzeit (bei Einbruch der Dunkelheit) nochmal mit dem Auto trifft um uns Verpflegung für die erste Hälfte der Nacht, sowie Licht und Warnwesten zu bringen. Damit das logistisch klappte, habe ich also erst eine kleine Schleife in Köln geplant.

Anschließend sollte es von dort über Siegburg nach Bonn zum Rhein, auf die andere Rheinseite und nochmal ein Stück den Rhein runter Richtung Köln gehen. Von da dann direkt nach Westen auf Kurs Valkenburg/Cauberg. Weiter Richtung Norden zum westlichsten Punkt Deutschlands und von dort quasi "direkter Weg" zurück nach Köln zum Abschlussselfie vorm Kölner Dom.

Insgesamt standen 330 km auf dem Programm. Auf der Karte sah das ganze dann so aus:

Die Lange Nacht

Pünktlich um 8 Uhr abends haben wir uns also auf den Weg gemacht. Erst die kleine Runde durch Köln und Richtung Bergisches um – bei schönem Wetter – den Sonnenuntergang über der Kölner Skyline bewundern zu können. Leider machte uns das Wetter da einen Strich durch die Rechnung. Nach etwa 1:30 h erreichten wir dann – ein paar Minuten zu früh – den Treffpunkt an der Panzerstraße an dem meine Frau uns mit neuer Verpflegung, Warnwesten und Beleuchtung versorgte.

Danach gings, gerüstet für die nächsten vier Stunden, über Siegburg und die Siegauen nach Bonn und dort zum Rhein. Am Rhein ist der Belag leider nicht ganz so gut. Da es zwischenzeitlich nun richtig dunkel geworden war, waren wir dort wohl auch etwas langsamer unterwegs als normalerweise. Obwohl ich eigentlich relativ häufig im Dunkeln mit Licht unterwegs bin hatte ich trotzdem etwas Zeit gebraucht um mich an das fahren im Dunkeln zu gewöhnen. Nachdem wir dann aber vom Rhein abgekehrt sind und auf gut geteerten Feldwegen und verkehrsarmen Straßen unterwegs waren fing es an zu rollen und damit richtig Spaß zu machen.

Bei langen Touren teile ich mir die Strecke immer in abfrühstückbare Stücke ein. So auch diesmal. Der erste Happen war bis zum Treffpunkt mit meiner Frau. Das nächste Stück legte ich mir mental bis zu unserer "VP2" – eine 24/7 Tankstelle in Heerlen (NL). Gerade mal 4 h hatte ich mir mental von VP1 zu VP2 zurechtgelegt. Von dort war es nur noch einen Katzensprung zum Cauberg und von dort nur ca. 30 km zum westlichsten Punkt Deutschlands. Ab dort war ich mental "auf dem Heimweg". Aber selbst den Heimweg hatte ich mir nochmal bis zum "Frühstück" bei ca. KM 260 zurechtgelegt… und nach dem Frühstück solltens nur noch ca. 55 mit kleinem großen Sightseeing-Highlight "Hambacher Tagebau" bis zum Kölner Dom – unserem Ziel – sein. Und dann ists ja nur noch locker nach Hause rollen 😉

Das Stück bis zur 24/7 Tankstelle verging dann auch tatsächlich ziemlich fix und bis dahin sind wir – von kleinen Navigationsproblemchen in der Dunkelheit abgesehen – auch wirklich gut durchgekommen.

Von Heerlen gings dann sehr schnell nach Valkenburg und dort den berühmten Cauberg bei Nacht hoch. Oben das obligatorische Gipfelfoto – und etwas Verwunderung bei den zwei netten Securities, welche den am Cauberg gelegenen Park Nachts bewachen, was drei Deutsche mitten in der Nacht – beleuchtet wie ein Christbaum – in den Niederlanden machen.

Nun war schon etwas mehr als die Hälfte geschafft. Zeitlich sowieso, aber auch kilometertechnisch. Nächster Kulturstop: westlichster Punkt Deutschlands. Kurz nach dem Cauberg begang es nun bereits leicht zu dämmern (gegen 3:30 Uhr) und mit etwas Wut im Bauch über den kompletten Ausfall seiner Lichtanlage spannte sich Matthias vor uns und rauschte mit uns am westlichsten Punkt Deutschlands vorbei – ohne Foto. Naja, ein andermal dann! Nun ging so langsam die Sonne auf und es sollte theoretisch nicht mehr weit zu "VP3" sein.

Leider war ich nachts etwas nachlässig was die Energieversorgung betraf, so dass ich mir VP3 lieber früher als später herbeisehnte. Aber so ist das auf jeder Langstrecke. Zwischendurch gibts immer mal ne Stunde oder zwei die nicht so gut laufen. Bei an die 12 Stunden Fahrzeit ist das ja immer noch ein relativ kleiner prozentualer Anteil!

Nach dem Frühstück gings dann am Hambacher Tagebau vorbei (welchen ich in meinem "Zustand" nicht mehr so richtig bewundern konnte), schnurstracks Richtung Köln, über den Militärring zum Rhein und die letzten Kilometer den Rhein runter zum Dom! Die letzten 30 km gingen dann sogar wieder besser – klarer Fall von zweiter Luft mit dem Ziel im Blick 😉

Durch etwas verbummelte Pausen und kleinere Navigationsprobleme schafften wir es leider nicht pünktlich um 8 Uhr zum Finisher-Foto vorm Dom zu stehen, aber mit etwa 45 Minuten "Verspätung" trudelten wir dann um 8:45 Uhr bei schönstem Wetter auf der noch leeren Domplatte ein.

Fazit

Für mich/uns war das aufjedenfall eine verrückte Aktion. Ich war während der ganzen Tour mehrmals wirklich froh um meine beiden Mitstreiter. Nicht nur haben sie mich am morgen bei meinem Tief aus dem Wind geholt, so dass ich mich wieder erholen konnte, sondern wir harmonierten die ganze Zeit über sehr gut und ergänzten uns gegenseitig.

Was mich persönlich die ganze Zeit über sehr motivierte war aber v.a. das Wissen, dass mit dieser verrückten Aktion Geld zusammenkommt um Menschen zu unterstützen die Hilfe benötigen. Im konkreten Fall waren das die Wünschewagen-Aktion, Lucas Bewegung und die Partner der Grünen Hölle Freisen, welche durch Corona gerade Umsatzeinbußen erfahren. Insgesamt absolvierten die 466 gemeldeten Fahrer 33403 km, was 4912 virtuelle Runden entspricht. Zusammen mit dem Startgeld kam so eine Summe von 10772 € zusammen.

Wirklich grandios was die Jungs und Mädels aus der Grünen Hölle da auf die Beine gestellt haben und wie sie es mit ihrem Enthusiasmus geschafft haben viele viele Leute – die z.T. sonst wenig bis kein Rad fahren – dazu zu motivieren die ganze Nacht durch radzufahren.

#SBPRG Teil 2

 

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Nachdem der zweite Tag meiner Tour von Saarbrücken nach Prag eher suboptimal gelaufen ist, habe ich – nach einem Döner am Abend – die weitere Route über den Paneuropa-Radweg  abgecheckt. Neues Ziel sollte Eslarn, kurz vor der tschechischen Grenze, sein. Bis dahin sollten es über den Radweg noch 280 km sein – und anschließend nochmals 240 km bis nach Prag.
Damit blieben mir für die nächsten zwei Tage (laut Paneuropa-Radweg) noch gute 520 km. Auf jeden Fall ein strammes Vorhaben für zwei Tage. Ich muss zugeben, das sah ich mich nicht abspulen. Also checkte ich die Route noch mit Google aus. Das sollten etwa 210 km bis nach Eslarn sein. Für Tschechien wurde mir leider keine Radroute angezeigt, naja, immerhin schonmal 70 km weniger.
Da ich gerne zwei Tage in Prag verbringen wollte und ich einen Platz im Bus für Sonntag Abends gebucht hatte, wollte ich alles versuchen, um es doch noch in vier Tagen zu schaffen.

Also die Route von Google auf einen Spickzettel geschrieben, den aufs Oberrohr geklebt und gehofft, dass das für den nächsten Tag so passen wird.

 

Etappe 3: Rothenburg ob der Tauber – Eslarn (215 km)

Was soll ich sagen? An dem Tag sollte ich das erste Mal > 200 km auf dem Rad an einem Tag zurücklegen. Ich war heiß. Ich wollte mein Ziel erreichen. Also startete ich nach einem kleinem Frühstück um 8:15 Uhr auf dem Marktplatz in Rothenburg ob der Tauber. Am Anfang hieß es grob: immer der Sonne entgegen. Dank meinem Spickzettel und der Topografie in Bayern lief es auch wie am Schnürchen. Das Wetter war ebenfalls spitzenklasse.
Nach etwa 70 km erreichte ich Nürnberg – hier erwarteten mich wieder die bereits bekannten Navigationsprobleme innerhalb der Städte – doch auch das sollte heute (relativ) gut klappen.

Bayern ist wirklich traumhaft um mit dem Rad zu fahren. Die Radwege (meistens) 1a geteert, super ausgeschildert und in den Dörfern (fast) immer Brunnen mit Trinkwasser.. es lief wirklich zum ersten Mal ohne Probleme.

Links: kurze Mittagspause in Sulzbach-Rosenberg. Rechts: Gravel in Bayern.
Links: kurze Mittagspause in Sulzbach-Rosenberg. Rechts: Gravel in Bayern.

Klar, wurde ich irgendwann etwas müde, mein Hintern tat weh, aber ich hatte ja noch die magische 200 km Grenze vor mir – ich war motiviert bis in die Haarspitzen. Kleine Verfahrer blieben nicht aus, doch am Schluss des Tages hatte ich nur 5 km mehr auf dem Garmin als von Google vorausgesagt. Die Unterkunft des Tages war ebenfalls spitze und die Pizza am Abend auch. Alles in allem ein super Tag.

Jetzt hatte ich Prag im Visier!

Die Etappe auf Strava:
#SBPRG 3

 

Etappe 4: Eslarn – Prag (245 km)

Nachdem die dritte Etappe so richtig gut gelaufen ist, war ich natürlich zuversichtlich, dass ich heute noch Prag erreichen würde. Da ich Google leider keine Radroute entlocken konnte, war mein Plan einfach dem Paneuropa-Radweg (240 km) zu folgen. Ich kam an dem Tag schon um 7:30 aufs Rad, wohlwissend dass mir ein langer Tag bevorstehen würde.
Bis zur Grenze verlief alles problemlos, naja.. mein Hintern tat zum ersten Mal bereits morgens weh.. und meine Beine auch, aber jammern macht es ja auch nicht besser.

grenze
Bis zur Grenze lief es noch gut.

In Tschechien wurden die guten bayrischen Radwege auf einmal zu schweren Cross-Strecken oder leichten MTB-Strecken – je nach Sichtweise. Nicht gerade optimal wenn man noch > 200 km vor sich hat. Ich konzentrierte mich darauf den Schnitt bei etwa 24 km/h zu halten.. also 10 h Fahrzeit.

Nach ca. 50 km sah ich ein Straßenschild, welches Plzen – mein Zwischenziel für den Tag – mit 30 km auswies, im Gegensatz zu 50 km laut Radwegsschild. Kurz nachgerechnet, dachte ich, dass sei ein bombensicherer Plan jetzt auf die Straße auszuweichen und damit 20 km zu sparen. Leider musste ich feststellen, dass die Beschilderung nicht so ganz gut ist in Tschechien. Irgendwann war Plzen dann gar nicht mehr ausgeschildert. Shit.
Mit 0 Worten tschechisch, hab ich es dennoch geschafft zwei Frauen, mit einem Mix aus Deutsch und Englisch, nach dem Weg zu fragen. Leider konnten sie mir aber auch sagen, dass es noch etwa 35 km bis Plzen sind.. doof, dass ich schon 70 km auf dem Garmin hatte zu dem Zeitpunkt.
Gegen Mittag hab ich dann aber tatsächlich Plzen erreicht, mit bereits 110 km, statt den 100 km, die es laut Paneuropa-Radweg sein sollten. Selbst Schuld. Ab jetzt folge ich dem Radweg – nahm ich mir vor.

Nachdem ich Geld gewechselt hatte, suchte ich Radweg Nr. 3, der mich nach Prag führen sollte. Bevor ich allerdings blind dem Radweg folge, frage ich nochmal einen Passanten, ob ich hier richtig bin. Er bejaht – Gott sei dank!

Froh den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, spule ich also die nächsten 10 km ab. Bisher waren die böhmischen Dörfer durch die ich gefahren bin für mich genau solche – böhmische Dörfer. Ich hab es nicht geschafft mir einen Ortsnamen länger als ca. 30 Sekunden zu behalten. Auf einmal kommen mir die Ortsnamen auf den Straßenschildern wieder bekannt vor.. naja, heißt eh alles gleich hier. Nach ca. 15 km beschließe ich dann, doch mal einen Blick auf meine Reise-Unterlagen zu werfen.. FUCK!! 15 km in die falsche Richtung gefahren. Seltsamerweise bin ich aber in dem Moment gar nicht wütend, sauer oder sonst was. Ich drehe einfach um und denke “immerhin bin ich jetzt auf dem richtigen Weg, in die richtige Richtung”. Ich komme wieder nach Plzen, folge dem Radweg Nr. 3 und auf einmal.. keine Schilder mehr. Das darf doch nicht wahr sein. Ich schließe zu zwei Radfahrern auf, frage nach dem Weg, sie nehmen mich ein Stück mit und bringen mich wieder auf den richtigen Weg. Puh, das ging nochmal gut. Jetzt wurden langsam meine Nahrungsmittel knapp, also beschließe an der nächsten Gelegenheit anzuhalten und Nachschub zu kaufen.
Gesagt, getan. Ein kleiner Dorfladen soll es sein. Ich setze mich in die nachmittägliche Sonne, trinke und esse was, befülle wieder meine Flaschen und schaue nochmal über die Route. Nach dem ganzen hin und her bin ich verunsichert. Ich beschließe die Frau in dem Laden nach dem Weg zu fragen. Ihr Englisch ist schlecht und mein Tschechisch nicht vorhanden, trotzdem kann sie mir versichern, dass wenn ich den Radweg-Schildern folge, ich wieder nach Plzen gelange. DAS KANN DOCH NICHT SEIN! HABEN DIE ETWA ZU VIEL PILS GETRUNKEN BEIM AUSSCHILDERN!!?

Naja, die Dame versichert mir, dass es von hier über die Landstraße bis nach Prag quasi nur noch geradeaus geht und es ca. 80 km sind. Das beruhigt mich etwas. Zu dem Zeitpunkt habe ich bereits etwas mehr als 160 km auf dem Garmin.
Ich folge also dem Rat der Dame und fahre auf die Landstraße.. zu dem Zeitpunkt kann ich gar nicht sagen ob meine Beine oder mein Hintern mehr brennen. Ich trete eigentlich nur noch im flachen, bergauf fahre ich Wiegetritt und bergab lasse ich rollen. Aus meinen Beinen kommt nichts mehr. Ich kann kaum noch sitzen. Irgendwann seh ich zum ersten mal Prag auf einem Schild. Das motiviert mich wieder. Dann zum ersten Mal Prag mit Kilometerangabe (60 km). Dann immer weitere Schilder: Prag mit sinkenden Kilometerangaben – und schließlich gegen 19:00 Uhr ist es tatsächlich soweit: ich rolle mit dem Rad nach Prag hinein. Ich bin einfach nur erleichtert. Zu erschöpft um mich richtig freuen zu können. Ich habs geschafft.

karlsbr
Am Ziel angekommen: nach 800 km gibts das Finisherfoto vor der berühmten Karlsbrücke in Prag.


Die Etappe auf Strava:
#SBPRG 4

 

So richtig realisiert, dass ich tatsächlich von meiner Haustür aus, 700 800 km bis nach Prag mit dem Rad gefahren bin, hab ich eigentlich erst, als ich ein paar Tage später auf Strava die Heatmap aktualisiere und dort eine durchgehende blaue Linie von Saarbrücken bis nach Prag erscheint. Krass. Die ganze Strecke bin ich innerhalb von vier Tagen mit dem Rad gefahren.

Ich hatte wahnsinniges Glück mit dem Wetter, etwas Pech mit dem Material und leichte Schwierigkeiten mit der Navigation. Dennoch hat schlussendlich alles geklappt und ich bin in Prag angekommen.
Man erlebt eine solche Reise (natürlich!) ganz anders als wenn man einfach ins Auto steigt, zum Flughafen fährt, ins Flugzeug steigt und nach zwei Stunden tausend Kilometer entfernt wieder aussteigt. Man bekommt ein ganz anderes Bewusstsein für die Distanz. Noch extremer ist das sicherlich, wenn man zu Fuß unterwegs ist. Schließlich sind durchschnittlich 200 km am Tag immer noch relativ viel. Zu Fuß schafft man vielleicht die Hälfte oder gar nur ein Viertel.
Ich bin jedenfalls froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, es war eine große Abwechslung zu dem durchgetakteten Training, dass ich sonst mache und es hat definitiv Spaß gemacht, auch wenn es auf der Reise Momente gab, die nicht sehr schön waren.

Ob ich wieder so eine Tour machen würde? Genau so eine Tour glaube ich nicht.. aber vielleicht mal eine mit Zelt und Schlafsack.. oder eine mit weniger Tageskilometern, um mehr Eindrücke sammeln zu können. Irgendwann such ich mir bestimmt wieder ein Ziel raus und fahre mit dem Rad an meiner Haustür los an einen Ort, an dem ich noch nie mit dem Rad war.

#SBPRG – von Saarbrücken nach Prag – Teil 1

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Ich weiß gar nicht mehr genau wie ich auf die Idee gekommen bin, ich könnte mit dem Rad nach Prag fahren. Vielleicht weil ich einfach mal was Neues, was nicht alltägliches erleben wollte, vielleicht um mir einfach zu beweisen, dass ich sowas auch kann.. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur noch: ich fing auf einmal an im Internet in Radreiseforen zu surfen, las Berichte über Radreisen, Brevets, die Ausrüstung, Light Bikepaking, Routenplanung, ging Gepäcklisten durch usw.

Das war so Mitte/Ende April. Da hatte ich das Ziel, im Sommer, wenn meine Freundin vier Wochen in Australien ist und ich allein zu Hause bin, auch was zu erleben.. und irgendwie kam ich dabei auf die Idee mit der Radreise. Relativ schnell stand dann Prag als Ziel fest. Ich war noch nie in Tschechien (würde dann also das Land “abhaken” können) und Prag soll ja eh ganz schön sein. Zudem laut Google Maps nur etwa 650 – 750 km entfernt, also innerhalb von einer Woche zu erreichen. Am Anfang hielt ich mein Vorhaben noch inkognito, erzählte keinem davon und ich glaube ich sah mich auch noch nicht, dass ich das wirklich machen würde.

Je näher der Termin rückte (Mitte August sollte es losgehen), desto mehr Leuten erzählte ich von dem Vorhaben – obwohl ich noch nichts konkretes geplant hatte – der soziale Druck war also schon mal vorhanden, jetzt bräuchte ich entweder gute Ausreden oder ich würde wirklich nach Prag fahren.

Und zack! Fast-forward! Auf einmal war August, ich hatte mir mittlerweile eine Gepäckliste geschrieben und das Internet erfolgreich nach benötigten Utensilien durchforstet. Das Zeug (eigentlich nur eine große Satteltasche, Packsack und 2 Riemen) lag schon hier, ich hatte bereits erste (kleine) Testrunden damit gedreht. Bald konnte es losgehen, langsam sollte ich vielleicht die Route planen.

Ich wusste bereits, dass es von Saarbrücken bis Prag etwa 700 km sind. Höhenmeter eher vernachlässigbar. Ich hatte mir grobe Tagesziele rausgesucht: Sinsheim, Nürnberg, Plzen, Prag. Sollte also – entgegen der Ratschläge aus allen Radreiseforen und -blogs (“MAAAXIMAL 80 km an einem Tag, alles andere ist der sichere Tod!”) – sportlich werden: 180, 200, 220, 100 km, vier Tage Radfahren, 2 Tage Prag, dann mit dem Bus wieder nach Hause.

Bis dahin bin ich noch nie mehr als 180 km an einem Tag mit dem Rad gefahren.. Und erst recht nicht mehrmals hintereinander. Aber ich war zuversichtlich.. hatte ja schließlich den ganzen Tag Zeit, da sollte ich schon ein paar Kilometer schaffen.

Bevor ich nach Prag aufbrechen würde, fand am Vortag noch der MTB Jugendtag im Saarland statt. Dort war ich als Trainer eingebunden. Der Tag war lang und ich hatte (natürlich) noch nichts vorbereitet für meinen Trip. Also alles am Vorabend noch irgendwie nach Packliste zusammengesucht, verstaut und die Taschen am Rad befestigt. Noch einmal schlafen und dann geht’s los. Optimale Vorbereitung ist sicher anders. Aber wird schon werden.

Das gesamte Gepäck. Auf das Minimum reduziert.
Das gesamte Gepäck. Auf das Minimum reduziert.

Das fertig gepackte Rad am Vorabend.
Das fertig gepackte Rad am Vorabend.

Etappe 1: Saarbrücken – Sinsheim (180 km)

Ich wollte natürlich so früh es geht aufbrechen damit ich in keine Zeitnot komme und abends auf einmal ohne Unterkunft dastehe. Wie das aber immer so ist.. bis ich auf dem Rad saß war es bereits halb 11 – fängt ja eher nicht so gut an. Geplant war in Deutschland in Pensionen/Gasthöfen zu übernachten und in Tschechien Couchsurfing auszuprobieren. Reserviert hatte ich nix – man weiß ja nie was unterwegs passiert.  Das Wetter war traumhaft, die ersten Kilometer rollten super, es gab keine Probleme mit der Navigation. Lediglich irgendwo um Landstuhl herum fiel mir auf, dass meine Satteltasche irgendwie mehr rumschlenkert als vorher. Muss sich bestimmt durch das Gewicht etwas gelockert haben.. zieh ich bei Gelegenheit mal nach, dachte ich noch.

Kurz vor Kaiserslautern war dann Gelegenheit mal nachzuziehen. Stellte sich allerdings heraus, dass es nichts mehr zum nachziehen gab. Die Befestigung war gerissen, na toll. Noch keine 50 km unterwegs. In Saarbrücken hatte ich schon mein Frontlicht verloren. Stimmung war gerade eher nicht so. Kurz überlegte ich einfach in den Zug zu steigen und wieder nach Hause zu fahren.

Nach der Gepäck-Umstrukturierung.
Nach der Gepäck-Umstrukturierung.

Ich entschied mich dann aber doch gepäckmäßig zu improvisieren und weiter zu fahren. Den Packsack hab ich mit Hilfe eines Riemens an der Satteltasche befestigt. Die Satteltasche mit Hilfe des anderen Riemens am Sattel. Kurzer Check: wackelt weniger als vorher, sollte halten. Weiter gings.

 

Die Strecke durch den Pfälzer Wald verlief problemlos. Es ist der Wahnsinn wie gut man dort Radfahren kann. Gegen frühen Nachmittag bin ich dann in Neustadt an der Weinstraße angelangt, am Ortsausgang halte ich kurz an um ein paar Schnappschüsse zu machen, dann sitze ich auch schon wieder auf dem Rad. Überall sind Sprenkleranlagen in Betrieb die sowohl die Felder, als auch die Radwege befeuchten. Die kurze Abkühlung nehme ich jedes mal mit Freude mit. Es geht weiter Richtung Speyer. Tellerflach, aber auf super Radwegen. Die Beschilderung ist 1a. In Speyer hab ich kurze Probleme mit der Navigation, beschließe dann erst mal zum Dom zu fahren und mich dort neu zu orientieren.

Kurz hinter Neustadt a.d.W.
Kurz hinter Neustadt a.d.W.

Am Dom angelangt beschließe ich den Tag langsam zu beenden. Sinsheim ist noch etwa 40 km entfernt, also nicht mehr ganz zwei Stunden. Ich reservier mir dort ein Zimmer, nach neu gefundener Orientierung geht’s wieder aufs Rad und am frühen Abend erreiche ich mein erstes Tagesziel. Zwischendurch gibt’s noch einmal kurz nen hohen Puls weil der Garmin einfach abstürzt und die Tour nach ~ 170 km für beendet erklärt, aber sonst läuft alles glatt. Bis auf das Pech mit dem Material lief der erste Tag durchaus zufriedenstellend.

Die Etappe auf Strava:
#SBPRG 1.1
#SBPRG 1.2

 

Etappe 2: Sinsheim – Nürnberg Rothenburg ob der Tauber (185 km)

Die Nacht war gut, das Frühstück war gut, das Wetter ist gut – um halb 9 sitze ich schon auf dem Rad und mache mich auf den Weg nach Nürnberg. Erstes Ziel ist heute jedoch Heilbronn. Bis dorthin sind es etwa 35 km. Nach 25 km beschließt mein Freund R2D2 sich wieder kurz zu verabschieden, dieses mal jedoch wenigstens ohne Datenverlust. Kurz drüber geärgert, dann gings aber auch schon wieder weiter. Heilbronn erreiche ich problemlos, hier fällt mir die Orientierung wieder etwas schwer. Da ich von hier aus auf dem Paneuropa-Radweg (Paris – Prag) weiterfahren möchte und kein Kartenmaterial gefunden habe, beschließe ich zur Touristeninformation zu fahren und mir dort Infos zu holen. Leider gibt es dort keine Infos zum Paneuropa-Radweg. Die freundliche Dame googelte allerdings kurz für mich, gab mir dann eine andere Karte und erklärte mir, wie ich auf den Radweg Richtung Rothenburg ob der Tauber gelange. Als ich den dann endlich gefunden hatte, durfte ich mit Freude feststellen, dass der Radweg Teil des Paneuropa-Radwegs ist und selbiger auch ausgeschildert ist. Läuft heute.

In Heilbronn weiß man wie man gut lebt.
In Heilbronn weiß man wie man gut lebt.

Zwischendurch halte ich ab und zu mal an um meine Flaschen an Brunnen/Quellen aufzufüllen, ein paar Äpfel zu pflücken, aber sonst verläuft der Tag recht unspektakulär. Nur irgendwie komm ich nicht so richtig voran. Bis Nürnberg sollten es ca. 200 km sein, ich habe mich nicht nennenswert verfahren, bin aber gerade erst 100 km weit gekommen und bin noch nichtmal in der Nähe von Rothenburg ob der Tauber, welches laut Google aber kurz nach der Hälfte der Distanz erreicht werden sollte. Oh Oh.
Nächste größere Stadt ist Schwäbisch-Hall (auf diese Steine, können Sie bauen,…) dort suche und finde ich wieder den Weg zur Touristeninformation und die kompetente und freundliche Dame konnte dann auch etwas Licht ins dunkel bringen: wegen dem Hochwasser im Mai sind Teile des Paneuropa-Radwegs gesperrt bzw. wurden umgeleitet. Anstatt am Fluss entlang zu fahren, fahre ich immer große Bögen. Scheisse. Wenigstens hab ich hier Kartenmaterial erhalten, aber auch die Info, dass es von Schwäbisch Hall bis Rothenburg ob der Tauber noch 60 km und bis Nürnberg gar noch 130 km sind. Keine so tolle Info, am Nachmittag, mit schon ~ 120 km im Sattel. Ich beschließe hier mein Tagesziel zu ändern. Rothenburg ob der Tauber soll es sein. Wenigstens ab diesem Zeitpunkt läuft wieder alles gut und ich erreiche etwa gegen 19 Uhr Rothenburg. Das war ein langer Tag und ich bin nun gute 70 km hinter meinem Plan. Wenigstens finde ich schnell eine Unterkunft und kann dort meine weitere Route planen. Das Ziel, es in vier Tagen nach Prag zu schaffen, möchte ich trotz dem eher suboptimalen Tag nicht aufgeben. Das bedeutet aber auch, dass ich definitiv noch zwei laange Tage auf dem Rad verbringen werde und nicht – wie vorher geplant – am letzten Tag locker am frühen Nachmittag in Prag einrolle. Scheiss Ehrgeiz.

Die Etappe auf Strava:
#SBPRG 2.1
#SBPRG 2.2

kurze Apfelpause.
Kurze Apfelpause, irgendwo in Baden-Württemberg.

 

Wie es weiterging, folgt im nächsten Blogpost.