Lange Nacht egal wo

Eigentlich hätte am vergangenen Freitag die Grüne Hölle Freisen zur Langen Nacht am See geladen. Da Corona dem aber einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, wurde umgeplant zur Langen Nacht egal wo.

Lange Nacht was!? Die Lange Nacht am See wird seit drei Jahren als Spendenradfahrt vom Verein Grüne Hölle Freisen organisiert. Im ursprünglichen Format fährt man mit dem Fahrrad seiner Wahl von 8 Uhr abends bis 8 Uhr am nächsten morgen Rund um den Bostalsee im Saarland. Dabei wird von einem Sponsor pro gefahrener Runde aller Teilnehmer ein kleiner Betrag fällig. Letztes Jahr kamen so – zusammen mit dem Startgeld der etwas über 400 Teilnehmer eine schöne Summe von 10118 € ein.

Prowin – als Hauptsponsor der Veranstaltung in diesem Jahr – verpflichtete sich im Anschluss 1 € pro absolvierter Runde um den See zu spenden. Da aufgrund der aktuellen Situation aber die Veranstaltung nicht wie üblich am See stattfinden konnte, planten die "Höllenhunde" kurzerhand zur Langen Nacht egal wo um. Prowin sicherte zu auch in dem Fall pro "virtueller Runde" um den See 1 € zu spenden.

Dieses Jahr war also neben guten Beinen auch ein bisschen Köpfchen gefragt wo man seine Kilometer abspult. Ich hatte mich mit Matthias und Markus zusammengetan und verschiedene Streckenoptionen durchgespielt.

Streckenplanung

Zu Beginn war die Überlegung 12 Stunden auf der "Panzerstraße" am Kölner Flughafen zu pendeln. 8 km pro Richtung, 16 km pro Runde. Mit 300 – 350 km als angepeiltem Ziel wären das etwa 20 "Runden" geworden.

Eine weitere Idee war möglichst nahe an unserer Wohnung vorbei zu fahren damit wir uns einfach verpflegen können. Das wäre aber auf eine etwa 3 – 5 km lange Runde herausgelaufen und zudem nicht ideal gewesen, da der Radweg vor unserem Haus etwas verbesserungswürdig ist und wir zudem in jeder Runde durch den Ortskern hätten fahren müssen.

Also mal in eine ganz andere Richtung gedacht… wie wäre es eine große Runde zu fahren? Sollte natürlich möglichst flach sein, damit das selbstgesteckte Ziel von > 300 km "einfach" machbar ist und entsprechend mehr virtuelle Runden zusammenkommen. Damit schied schonmal aus ins Bergische zu fahren. Rhein hoch-runter wär eine Option gewesen, aber leider ist der Leinpfad am Rhein nicht so gut ausgebaut wie an der Saar. Flach ist es im Kölner Westen. Noch flacher in den Niederlanden (vermeintlich). Also hab ich mal <komoot.de> angeworfen und ganz grob in die Richtung geplant. Dank der guten Routenvorschläge aus der Community und Tipps zu Streckenabschnitten/Highlights war relativ schnell der berühmte Cauberg (Amstel Gold Race) als Ziel ausgemacht. Weitere Highlights die "auf dem (Rück-)Weg" lagen waren schnell ausgemacht: wenn wir schon in der Nähe sind, könnten wir auch noch am westlichsten Punkt Deutschlands und am Tagebau Hambacher Forst vorbei.

Die Strecke nahm schnell immer mehr Form an. Damit wir uns gut verpflegen konnten plante ich ein, dass meine Frau uns nach etwa zwei Stunden Fahrzeit (bei Einbruch der Dunkelheit) nochmal mit dem Auto trifft um uns Verpflegung für die erste Hälfte der Nacht, sowie Licht und Warnwesten zu bringen. Damit das logistisch klappte, habe ich also erst eine kleine Schleife in Köln geplant.

Anschließend sollte es von dort über Siegburg nach Bonn zum Rhein, auf die andere Rheinseite und nochmal ein Stück den Rhein runter Richtung Köln gehen. Von da dann direkt nach Westen auf Kurs Valkenburg/Cauberg. Weiter Richtung Norden zum westlichsten Punkt Deutschlands und von dort quasi "direkter Weg" zurück nach Köln zum Abschlussselfie vorm Kölner Dom.

Insgesamt standen 330 km auf dem Programm. Auf der Karte sah das ganze dann so aus:

Die Lange Nacht

Pünktlich um 8 Uhr abends haben wir uns also auf den Weg gemacht. Erst die kleine Runde durch Köln und Richtung Bergisches um – bei schönem Wetter – den Sonnenuntergang über der Kölner Skyline bewundern zu können. Leider machte uns das Wetter da einen Strich durch die Rechnung. Nach etwa 1:30 h erreichten wir dann – ein paar Minuten zu früh – den Treffpunkt an der Panzerstraße an dem meine Frau uns mit neuer Verpflegung, Warnwesten und Beleuchtung versorgte.

Danach gings, gerüstet für die nächsten vier Stunden, über Siegburg und die Siegauen nach Bonn und dort zum Rhein. Am Rhein ist der Belag leider nicht ganz so gut. Da es zwischenzeitlich nun richtig dunkel geworden war, waren wir dort wohl auch etwas langsamer unterwegs als normalerweise. Obwohl ich eigentlich relativ häufig im Dunkeln mit Licht unterwegs bin hatte ich trotzdem etwas Zeit gebraucht um mich an das fahren im Dunkeln zu gewöhnen. Nachdem wir dann aber vom Rhein abgekehrt sind und auf gut geteerten Feldwegen und verkehrsarmen Straßen unterwegs waren fing es an zu rollen und damit richtig Spaß zu machen.

Bei langen Touren teile ich mir die Strecke immer in abfrühstückbare Stücke ein. So auch diesmal. Der erste Happen war bis zum Treffpunkt mit meiner Frau. Das nächste Stück legte ich mir mental bis zu unserer "VP2" – eine 24/7 Tankstelle in Heerlen (NL). Gerade mal 4 h hatte ich mir mental von VP1 zu VP2 zurechtgelegt. Von dort war es nur noch einen Katzensprung zum Cauberg und von dort nur ca. 30 km zum westlichsten Punkt Deutschlands. Ab dort war ich mental "auf dem Heimweg". Aber selbst den Heimweg hatte ich mir nochmal bis zum "Frühstück" bei ca. KM 260 zurechtgelegt… und nach dem Frühstück solltens nur noch ca. 55 mit kleinem großen Sightseeing-Highlight "Hambacher Tagebau" bis zum Kölner Dom – unserem Ziel – sein. Und dann ists ja nur noch locker nach Hause rollen 😉

Das Stück bis zur 24/7 Tankstelle verging dann auch tatsächlich ziemlich fix und bis dahin sind wir – von kleinen Navigationsproblemchen in der Dunkelheit abgesehen – auch wirklich gut durchgekommen.

Von Heerlen gings dann sehr schnell nach Valkenburg und dort den berühmten Cauberg bei Nacht hoch. Oben das obligatorische Gipfelfoto – und etwas Verwunderung bei den zwei netten Securities, welche den am Cauberg gelegenen Park Nachts bewachen, was drei Deutsche mitten in der Nacht – beleuchtet wie ein Christbaum – in den Niederlanden machen.

Nun war schon etwas mehr als die Hälfte geschafft. Zeitlich sowieso, aber auch kilometertechnisch. Nächster Kulturstop: westlichster Punkt Deutschlands. Kurz nach dem Cauberg begang es nun bereits leicht zu dämmern (gegen 3:30 Uhr) und mit etwas Wut im Bauch über den kompletten Ausfall seiner Lichtanlage spannte sich Matthias vor uns und rauschte mit uns am westlichsten Punkt Deutschlands vorbei – ohne Foto. Naja, ein andermal dann! Nun ging so langsam die Sonne auf und es sollte theoretisch nicht mehr weit zu "VP3" sein.

Leider war ich nachts etwas nachlässig was die Energieversorgung betraf, so dass ich mir VP3 lieber früher als später herbeisehnte. Aber so ist das auf jeder Langstrecke. Zwischendurch gibts immer mal ne Stunde oder zwei die nicht so gut laufen. Bei an die 12 Stunden Fahrzeit ist das ja immer noch ein relativ kleiner prozentualer Anteil!

Nach dem Frühstück gings dann am Hambacher Tagebau vorbei (welchen ich in meinem "Zustand" nicht mehr so richtig bewundern konnte), schnurstracks Richtung Köln, über den Militärring zum Rhein und die letzten Kilometer den Rhein runter zum Dom! Die letzten 30 km gingen dann sogar wieder besser – klarer Fall von zweiter Luft mit dem Ziel im Blick 😉

Durch etwas verbummelte Pausen und kleinere Navigationsprobleme schafften wir es leider nicht pünktlich um 8 Uhr zum Finisher-Foto vorm Dom zu stehen, aber mit etwa 45 Minuten "Verspätung" trudelten wir dann um 8:45 Uhr bei schönstem Wetter auf der noch leeren Domplatte ein.

Fazit

Für mich/uns war das aufjedenfall eine verrückte Aktion. Ich war während der ganzen Tour mehrmals wirklich froh um meine beiden Mitstreiter. Nicht nur haben sie mich am morgen bei meinem Tief aus dem Wind geholt, so dass ich mich wieder erholen konnte, sondern wir harmonierten die ganze Zeit über sehr gut und ergänzten uns gegenseitig.

Was mich persönlich die ganze Zeit über sehr motivierte war aber v.a. das Wissen, dass mit dieser verrückten Aktion Geld zusammenkommt um Menschen zu unterstützen die Hilfe benötigen. Im konkreten Fall waren das die Wünschewagen-Aktion, Lucas Bewegung und die Partner der Grünen Hölle Freisen, welche durch Corona gerade Umsatzeinbußen erfahren. Insgesamt absolvierten die 466 gemeldeten Fahrer 33403 km, was 4912 virtuelle Runden entspricht. Zusammen mit dem Startgeld kam so eine Summe von 10772 € zusammen.

Wirklich grandios was die Jungs und Mädels aus der Grünen Hölle da auf die Beine gestellt haben und wie sie es mit ihrem Enthusiasmus geschafft haben viele viele Leute – die z.T. sonst wenig bis kein Rad fahren – dazu zu motivieren die ganze Nacht durch radzufahren.

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